deutsche-mugge.de – September 2022

manuela SIE: “ Ich denk an mich“ (Album)

„Ich denk an mich“ heißt das soeben erschienene Album der Liedermacherin ManuelaSIE, in deren Ausweis der bürgerliche Name Manuela Sieber steht. Als Kind singt sie im Kirchenchor, spielt Klavier und beginnt mit 14 Jahren damit, eigene Lieder zu schreiben. Ihr handwerkliches Rüstzeug holt sie sich beim Studium an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden, an der sie klassischen Gesang und „Chanson/Musical“ studiert – „in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin“, wird in ihrer Biographie ergänzend hinzugefügt. Gleich zwei Talenteschmieden, auf denen unzählig viele große Namen ihre Abschlüsse machten, bevor sie die großen Bühnen bestiegen. Man muss sich nur auf unserer Seite einmal umschauen, wer ebenfalls dort die (Schul-)Bank drückte. Mit dem Abschluss in der Tasche ging es für die junge Frau ins „Berufsleben“, und das Erkunden ihres bisherigen Lebenslaufs bietet dem interessierten Leser ein abendfüllendes Programm. Das fängt mit einem Engagement an der Staatsoperette Dresden an, geht über diverse Musical-Rollen (u.a. „Buddy Holly Story“), dem dritten Platz beim Europäischen Chansonwettbewerb in Hamburg (in der Jury saß u.a. Ulrich Tukur), Schauspielrollen im TV und Jobs als Nachrichtensprecherin (NDR) weiter, und mündet schließlich in der Selbstständigkeit mit eigener Band. Dies ist nur die Kurzfassung. Den kompletten Werdegang hier wiederzugeben, würde dazu führen, dass wir diese Rezension nach Fertigstellung einem Buchbinder übergeben müssten. Darum machen wir einen flotten Sprung ins jetzt und berichten darüber, dass nach ihrem 2018er Album „Unauffällig schön“ heuer besagtes neues Werk in den Handel kommt. Es sei „Pop für Erwachsene“ heißt es da vollmundig im Pressetext und das lässt die Vorfreude wachsen, denn Teenie-Pop und unüberhörbar irgendwelchen Algorithmen folgendes Tralala gibt’s ja massig, nicht wahr?

Mit einer „Neuen Brille“ kann man nicht nur besser sehen, mit ihr startet man auch in das musikalische Programm der Künstlerin. Ein Bläsersatz und ein entspannt „hüpfendes“ Klavier begrüßen den Hörer, bevor Manuela ganz offen zugibt, dass sie die Welt zurzeit nur noch verschwommen wahrnimmt und sie ohne Brille irgendwie auch nicht mehr richtig versteht. Sie wünscht sich ein neues Modell, und „am besten rosarot“, damit das alles wieder klarer wird. Mit viel Witz und Augenzwinkern nimmt uns Frau Sieber hier also in Empfang und macht auch gar nicht lange rum, denn mit „Ich denk an mich“ geht es gleich ohne Atempause weiter.

Das dem Album seinen Namen gebende Lied ist bedeutend ruhiger arrangiert. Hier dominieren das Klavier und die Stimme der Künstlerin. Mehr braucht es auch nicht, um den Soundtrack zum Entschleunigen, zum mal rechts ran fahren und zum runter kommen zu erzeugen. Zu nichts anderem wird man hier aufgefordert.

In „Ganze Geschichten“ geht es eigentlich um „halbe Sachen“, aber eigentlich auch wieder nicht. Wo auf jeden Fall keine halben Sachen gemacht wurden, ist beim Einladen von Gästen, denn ManuelaSIE hat keinen Geringeren als Dirk „Scholle“ Zöllner bei sich im Studio gehabt und zelebriert mit ihm gemeinsam diese wunderbare Pop-Nummer, aus der am Ende eine „ganze Geschichte“ wird, die tatsächlich fliegen kann.
Im folgenden „Vergiss mein nicht“ wird zum sommerlichen Bossa-Nova-Sound über das Warten und das Erfüllen von Versprechen gesungen, und während vor einem wie jedes Jahr das den Titel überschreibende Gewächs erblüht, werden dabei mit Worten voller Farbe die im Kopf umher geisternden Gedanken gemalt. Ein feines Stück Musik mit einem ebenso feinen Textkunstwerk.

Ein „Anderer Frühling“ bringt bekanntlich neues Leben mit sich. Diese Jahreszeit steht für Aufbruch, Wiederkehr und Leben. Dem Leben zugetan ist ganz offenbar auch ManuelaSIE, die zu zerbrechlich wirkenden Klängen aus Klavier und Gitarre über „neue Wege“, die sich bahnen, „hellere Tage“ und in der Luft liegende Hoffnung singt, die sich wie Umarmungen vom Liebsten anfühlen. Kurz: Langsam kommt alles wieder, wenn die Tage länger werden. Und der hier besungene Frühling dürfte nicht nur zwischen März und Mai erlebbar sein, sondern mit etwas gutem Willen sicher auch jetzt im bevorstehenden Herbst.

Wer den Namen des Songs „Kauz & Eule“ liest könnte im ersten Moment an einen musikalischen Ausflug in den Wald oder eine vertonte Fabel denken, aber die Künstlerin gibt uns hier einen teils ironischen, teils bewundernden Blick auf ein schwer verliebtes Pärchen, deren einzelne Teile so wie Waldbewohner heißen, und die ganz offenbar ein richtig glückliches Dasein fristen. Sie zanken nie, während es um sie herum überall mal scheppert und kracht. Eingebettet ist diese Geschichte in einen luftig-leicht arrangierten Pop-Song mit Jazz-Anleihen, dessen Spaßfaktor sich nur hauchdünn unter der vollen Punktzahl bewegt- Schwermütig hingegen kommt „Gleichgültigkeit“ daher. Eine schwere Klaviermelodie führt uns in die Geschichte über einen Zustand, den wohl niemand gebrauchen kann. Die Gleichgültigkeit bremst einen aus, man will sie nicht da haben, doch sie hängt an einem wie ein unangenehmer Geruch. Ive Kanew verstärkt dieses Gefühl mit seinem Saxophonspiel noch zusätzlich. Im zweiten Teil des Stücks wird sich von diesem lästigen Begleiter befreit, und auch die Stimmung in der Musik lockert auf. Auch hier ist das Saxophon von Ive Kanew maßgeblich dafür verantwortlich, dass dieses Kippen der Stimmung fühlbar wird.

Eine weitere Portion „Scholle“ bekommen wir im Song „Baby“, und auch die Gebläse-Fraktion tritt ein weiteres Mal in Erscheinung. Beides passt ja von Natur aus hervorragend zusammen, und diese wunderbare Allianz aus Dirk Zöllners Stimme und dem exquisiten Klang von Bläsern macht sich auch Frau Sieber zu Nutze, um ihr Lied ins rechte Licht zu rücken. Mit ordentlich Druck, aber an keiner Stelle übertrieben aufgeregt, musiziert das Ensemble und liefert für beide Vokal-Akrobaten den passenden Teppich, gewebt aus Tönen. Die beiden singen über die verschiedenen Temperaturen, die eine Liebe haben kann, und über Wege, die die Liebenden zusammenführen können. Für mich ein Highlight auf dieser CD!

Musikalisch verwandt mit „Gleichgültigkeit“ ist das letzte Lied auf der CD, „Blumen & Bilder“. Wieder trifft man auf eine harte Wand aus Schwermut, aber dieses Mal geht es nicht um ein Gefühl, das man mal eben abschütteln kann, denn Trauer lässt sich nicht so leicht vertreiben. Nur zum in Molltönen gespielten Klavier beschreibt die Sängerin die Situation am Bett eines Menschen, der im Sterben liegt. Man weiß nicht, wie lange man noch gemeinsam Zeit hat, dass diese aber gerade abläuft ist bereits klar. Draußen vor dem Fenster ist es grau und winterlich, während man drinnen auf das Unausweichliche wartet, sich fragend, woher man die Kraft nimmt zu begreifen, dass man kommt, um zu gehen. Doch wenn alles vorbei ist, wird die Sonne zu sehen sein und es wird milder werden. Manuelas Art zu sagen, dass man irgendwann das Lächeln wiederfinden wird und man loslassen darf. Danke fürs traurig sein dürfen, liebe Manuela. Danke für dieses Lied an dieser Stelle!

Im Pressetext ist auch zu lesen, dass sich die Musikerin mit dem neuen Album noch intensiver in menschliche Untiefen begibt und diese mit Leichtigkeit wieder auflöst. Sieht man vom letzten Lied ab, das einen im „falschen“ Moment schon ein bisschen von den Füßen holen kann, ist das eine treffende Formulierung für das, was man hier in neun Liedern hören kann. Musikalisch bedient ManuelaSIE eine extrem breite Palette von Stilen und Richtungen, bewegt sich auf dem Terrain des Liedes ebenso souverän und den Hörer abholend wie auf dem des Latin-Sound („Vergiss mein nicht“), der Ballade oder dem etwas angejazzten Arrangement. Wirklich schöne Melodien treffen auf Melancholie, schwere und nicht so leicht verdauliche Töne auf lockere und sogar tänzelnde Klänge voller Optimismus. Bringt sie einen an einer Stelle zum Schmunzeln („Kauz & Eule“) rührt sie Dich an der nächsten Stelle zu Tränen („Blumen & Bilder“), und man lässt sich dies gern gefallen. Ja, es ist Pop für Erwachsene. Mehr noch, es ist Musik für den Kopf und für das Herz gleichermaßen. Handgemacht und mit viel Seele. Sie holt einen vom ersten Ton an ab und man ist am Ende des neunten Liedes förmlich verärgert darüber, dass die Reise mit Frau Sieber hier schon zu Ende sein soll. Der Sängerin zur Seite stehen ihr langjähriger Bassist und Weggefährt Alexander Fuchs, Marcus Hetzel an den Gitarren und Michael Wünsch am Schlagzeug, die hier keinesfalls unerwähnt bleiben dürfen. Sie sind maßgeblich mit daran beteiligt, dass die Musik auf dieser CD ihre Wirkung entfalten kann und die Stimmungen erzeugt werden, die hier erzeugt zu werden auch beabsichtigt wurden. Hat funktioniert. Tolles Album.

Von Christian Reder

zurück